
Aus der Reihe tanzen?
Zum zweiten Mal wurde der Poetry-Slam-Wettbewerb „Aus der Reihe tanzen?“ in der Oberstufe durchgeführt. Dieses Mal gaben die Schülerinnen und Schüler der 5. Klassen im Fach Ethik ihre Texte zum Besten.
Was es bedeutet, ein gutes und gelungenes Leben zu führen, ist eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Gerade deshalb lohnt sich eine ausführlichere Auseinandersetzung damit im Rahmen des Ethikunterrichts. Die drei Gruppen der 5. Klassen setzten ihre eigenen Ideen in Form kreativer Poetry-Slam-Text um und insgesamt neun Einzelpersonen bzw. Kleingruppen trauten sich dann auch, diese vor den drei Gruppen sowie einer Expert:innenjury vorzutragen. Besonders überzeugend fanden die Zuhörer:innen den Text von Clara und Emma (5A), den wir hier auch veröffentlichen möchten. Die Gewinnerinnen freuten sich über einen Pokal, die drei Erstplatzierten über interessante Jugendromane zum Thema.
Wir gratulieren allen Beitragenden zu ihren gelungenen Texten und interessanten Auftritten.
Prof. Fliri, Prof. Tiefenbrunner & Prof. Schmuck

Der Gewinnerinnentext von Clara & Emma: 7 Minuten
Hallo, unser Text hat den Titel 7 Minuten, weil er ein Phänomen behandelt, das noch nicht ganz wissenschaftlich bewiesen worden ist. Und zwar, dass unser Gehirn in den letzten sieben Minuten, bevor man stirbt, nochmal Erinnerungen ausspielt.
Aber dabei geht’s nicht unbedingt um die schönsten Momente, sondern eher um die wichtigsten.
Um die, die uns verändert haben und die man nicht einfach vergisst. Und genau darum geht‘s in unserem Text. Viel Spaß.
7 Minuten.
7 Minuten, bevor du das letzte Mal deine Augen schließt.
7 Minuten deiner wichtigsten Erinnerungen.
7 Minuten ein letztes Mal leben.
7 Minuten voller Lachen.
7 Minuten voller Tränen.
7 Minuten, in denen du entweder bereust
oder einfach nur still zurückblickst.
Es liegt an dir.
Dein ganzes Leben.
Jede Entscheidung.
Jeder noch so kleine Moment.
Sie machen dich zu dem Menschen, der du bist.
Und bestimmen deine sieben Minuten.
Schon im Kindergarten fängt es an.
Die Zahnfee vergisst dir dein Geld zu bringen,
für die zwei Zähne, auf die du so stolz warst.
Dein Lieblingskuscheltier verschwindet plötzlich
und du bist dir sicher,
dass nichts jemals schlimmer sein könnte.
Du weinst.
Und irgendwann hörst du auf.
Und Jahre später merkst du:
Es war gar nicht das Kuscheltier.
Es war das Gefühl, etwas zu verlieren.
In der Volksschule geht es weiter.
Die ersten Freundschaften entstehen,
während andere langsam zerbrechen.
Und irgendwie fühlt sich alles so groß und bedeutend an,
obwohl es doch so klein ist.
Dann kommt das Gymnasium.
Die Verantwortung steigt.
Und mit ihr der Druck, der bis zur Matura nicht mehr loslässt.
Zu viele Stunden.
Zu viele Erwartungen.
Zu viele Gedanken.
Und irgendwo dazwischen
verlierst du dich selbst ein bisschen
und vergisst.
Und dann kommt sie:
Die Frage, die man all die Jahre ignoriert hat
„Was willst du jetzt werden?“, fragen dich deine Eltern
und du zögerst…
Aus Angst vor der Zukunft und Angst davor, Sachen zu riskieren.
Angst vor all den Fragen
Nicht, weil du keine Träume hast,
sondern weil du Angst hast.
Angst davor, falsch zu entscheiden.
Angst davor, zu scheitern.
Angst davor, nicht zu genügen.
Angst davor, am Ende alleine dazustehen.
Angst davor, dass sich alles verändern könnte.
Angst davor, dass die Zeit davonrennt.
Und dann kommt auf einmal jemand und erzählt dir von etwas.
von diesen sieben Minuten.
Und plötzlich fragst du dich.
Werden sie gut?
Deine sieben Minuten?
Oder verbringst du dein Leben damit,
dass sie gut werden sollen
und vergisst dabei zu leben?
Plötzlich bekommst du Panik.
Nicht laut.
Nicht sichtbar.
Sie kommt langsam angekrochen.
Ein Gefühl in der Brust,
das nicht mehr verschwindet.
Ein Druck, der sich mehr und mehr ausbreitet
als würde etwas in dir schreien.
Mach etwas.
Mach mehr.
Mach es besser.
Mach es richtig.
Du willst diese Angst loswerden.
Willst sicher sein,
dass am Ende alles gut wird.
Dass deine sieben Minuten reichen.
Denn was, wenn es nicht reicht?
Was, wenn du am Ende zurückblickst
und nichts fühlst?
Was, wenn deine sieben Minuten
leer sind?
Also rennst du los.
Triffst Entscheidungen,
die sich richtig anfühlen sollen.
Du vermeidest Fehler.
Oder zumindest versuchst du es.
Du planst.
Du kontrollierst.
Du funktionierst.
Du existierst.
Merkst dabei gar nicht,
wie dir das Leben
zwischen den Fingern entgleitet.
Und du dich selbst verlierst.
Und am Ende geschieht es dann trotzdem:
Das abgebrochene Studium
Die Kündigung
Die Trennung
Die Schulden
Fehlschlag nach Fehlschlag
All die Jahre warst du so beschäftigt.
Hast funktioniert.
Hast geleistet.
Aber für was eigentlich?
Damit du ein Leben lebst,
das sich richtig anhört,
aber sich nie richtig angefühlt hat?
Damit du Erwartungen erfüllst,
die nie wirklich deine eigenen waren?
Damit du am Ende sagen kannst,
du hast alles gemacht,
nur nicht das,
was du eigentlich wolltest?
Später siehst du wieder klarer
Nicht auf einmal, es kommt Stück für Stück
Die Panik lässt nach.
Der Druck wird schwächer.
Und zum ersten Mal
hörst du dich selbst wieder.
Noch sieben Minuten.
Und plötzlich sind es nicht mehr
die großen Dinge,
die bleiben.
Sondern die kleinen.
Noch sechs Minuten.
Das Lachen mit deinen Freunden, das du so liebst.
Noch fünf Minuten.
Tanzen im Regen
Noch vier Minuten.
Die selbstgemalte Weihnachtskarte deiner Nichte.
Noch drei Minuten.
Die Umarmung deiner Mutter, nachdem ihr euch 3 Monate nicht mehr gesehen habt.
Noch zwei Minuten.
Ein Gefühl von Zuhause.
Noch eine Minute.
Deine Letzte
Ob zufrieden oder enttäuscht kannst du nicht mehr ändern
Und du fragst dich, habe ich alles richtig gemacht?
Vielleicht
gibt es darauf keine Antwort
Du musst nicht alles richtig machen.
Du musst leben!
Denn du hast nicht nur sieben Minuten, sondern ein ganzes Leben, das noch vor dir steht
Zeit, in der du Fehler machen darfst
Zeit, die du verschwenden darfst und Zeit, die du nützen kannst
Zeit, die für dich bestimmt ist, die dir geschenkt wurde.
Und vielleicht geht es am Ende
gar nicht darum,
ob deine sieben Minuten perfekt sind.
Sondern darum,
dass du überhaupt gelebt hast.
Echt gelebt hast.
Für dich.
Die Zeit tickt.
Aber nicht nur am Ende.
Sondern genau jetzt.
Denn du alleine entscheidest heute, wie sie einmal aussehen werden
Deine 7 Minuten.